Das schönste Geschenk

 

Dieser Artikel stand Ende November 1961, rund um meine Geburt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 

Für die Familie Kempinger hoch oben im Bayerischen Wald hat Weihnachten eigentlich schon stattgefunden. Sie hat das schönste Geschenk bekommen, das man sich nur wünschen kann. Im Bett neben der glücklichen Mutter liegt die kleine Eva-Maria, rosig anzuschaun wie ein Christengelein. Im Hause herrscht eitel Freude, lange ehe der Heligabend angebrochen ist. Zwei Buben sind schon da – der eine jetzt drei, der andere fünf Jahre alt. Und jetzt gerade im Weihnachtsmonat kam das erste Mädchen. Diese kleine Eva-Maria ist das größte Weihnachtsgeschenk für die Kempingers. Sonst wird der Gabentisch auch in diesem Jahr so bescheiden sein wie eh und je, hier oben am Dreiländereck gibt es keine Luxusweihnacht, und selbst die traditionelle Weihnachtsgans fehlt auf dem Tisch. Am 24. Dezember gibt es zu Mittag nur eine bescheidene Brotsuppe und abends eine kernige Bauernmahlzeit: hausgeschlachtene Wurst, Kartoffeln und Sauerkraut.

Und dennoch – wenn die kleine Glocke am Abend die Kinder zur Einbescherung ins Zimmer ruft, dann glühen die Augen vor Freude und Erwartung. Da steht der Lichterbaum, darunter die holzgeschnitzte Krippe, und auf dem Gabentisch liegen alle die kleinen Herrlichkeiten, die sich die Kinderherzen ersehnt haben. An den licht überfluteten Schaufenstern der Großstadt gemessen, ist dieser Gabentisch allerdings rührend bescheiden.

Vater Kempinger hat vielleicht ein Schaf geschnitzt und auf einem runden Holzklotz befestigt, so dass es lustig hin und her wippt, oder er hat ein phantastisches Stofftier gebastelt („Mit dem geht mein Junge in den Stall und gibt ihm Heu zu fressen“), und auch die kleine Eva-Maria wird wohl als erstes Spielzeug einmal eine selbstgebastelte Stoffpuppe bekommen.

Daneben liegen auf dem Gabentisch mancherlei nützliche Dinge, die man hier oben gut gebrauchen kann: ein Paar derbe Winterschuhe, ein warmer Wollschal, Strickhandschueh, und in ein paar Jahren werden Rodelschlitten und Ski dazu kommen, denn ohne Ski und Schlitten ist man im Winter hier oben verloren.

Wenn Vater Kempinger das Weihnachtsevangelium verlesen hat, wenn die alten Weihnachtslieder verklungen sind und die Lichter am Baum langsam niederbrennen, dann wird es Zeit, sich für die Christmette zu rüsten. Um 23.30 Uhr beginnt schon die „Puppenmette“, und es sind sieben Kilometer bis zur Kirche. Der Schnee liegt gewöhnlich schon bis zum Fenster. Um spätestens 22 Uhr holt Herr Kempinger die große Stallaterne und so wie man es auf ganz alten romantischen Bildern sieht, gehen die Kempingers und alle Wäldler auch heute noch zur Mitternachtsmesse, oft durch tiefen kaum gebahnten Schnee, kilometerweit. Vor der eigentlichen Christmette tragen Kinder in einer feierlichen Prozession die Figur des Jesuskindes zur Krippe. In Breitenbach haben sie eine besonders schöne Krippe, eine Krippe mit Stofffiguren, und die Hirten sind als Wäldler dargestellt.

Um 1 Uhr, wenn das feierliche „Ite, missa est“, die Christmette beschließt, dann sieht man wohl hundert Lichtlein die Berge hinauf- und herunterziehen. Die Wälder gehen heim. Und ich kann es mir denken, wie dann die Glocken von Breitenberg läuten, wo die Kempingers in der Kirche waren, und wie die Glocken von Schwarzenberg im Österreichischen einstimmen und wie unten aus dem Tale die Glocken von Neureichenau und Waldkirchen die fröhliche Botschaft weitertragen. Und man kann es nur ahnen, wie tief unten im Tale das große Geläut des Passauer Domes in dieser Stunde erklingt.

Um halb drei Uhr sind die Kempingers wieder zu Hause. Und dann gibt es noch einmal einen guten Kaffee und „Leckerli“, so nennt man hier das Weihnachts- und Pfefferkuchengebäck.

Auch die schönste Weihnacht geht vorüber. Am Dreikönigstag leuchtet noch einmal der Glanz an der Krippe auf. Die prächtigen Königsfiguren werden aufgestellt, und in der Kirche wird das Salz geweiht. Am Abend geht der Bauer zu seinem Vieh und gibt ihm Brot, das mit geweitem Salz bestrichen ist, um so den Segen des Himmels auf seine Herde herabzuflehen.

An den alten Weihnachtssitten und Gebräuchen hält der Wäldler fest. Da kommt so leicht kein neumodischer Zug hinein. Und doch, im Laufe der Jahrzehnte hat sich auch da einiges gewandelt. Um die Jahrhundertwende kannte man im Bayerischen Wald noch keinen Weihnachtsbaum. Zwar pflegte man auch damals die Kinder zu beschenken, aber die Geschenke kamen nicht vom Christkind. Damals hieß es: „Das goldene Rössl hat etwas gebracht“

Das goldene Rößl? Da spielt vielleicht etwas von dem alten Germanenglauben mit, von den zwölf heiligen Nächten, da Wotan mit den Seinen auf wilden Rossen durch die Lüfte reitet.

Die kleine Eva schläft ruhig und still im Arm ihrer Mutter. Sie weiß von Wotans Reitern nichts. Sie kam als Geschenk des Himmels in diesem Weihnachtsmonat“

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